9. Juli 2021

Raw-Format für Einsteiger. Dritter Teil.

Im Netz gibt es unzählige Videos zur Bild­bearbeitung und den ver­schiedenen Programmen. Bei fast allen geht es um die Werkzeuge und wie sie funktio­nieren. Auch die ersten beiden Teile meiner Reihe »Raw-Format für Einsteiger« tun genau das. Was fehlt ist eine Antwort auf die Frage, warum man ein Bild auf eine bestimmte Weise bearbeitet.

Tatsache ist, dass euch in der digitalen Dunkelkammer kaum Grenzen gesetzt sind. Ihr könnt aus einem Bild machen, was ihr wollt. Und genau darum geht es in diesem dritten und letzten Teil dieser Reihe. Denn der vielleicht wichtigste Punkt im Bereich Digitalfotografie und Bild­bearbeitung ist meiner Meinung nach, sich nicht in deren unendlichen Möglichkeiten zu verlieren. Ihr solltet nicht nur wissen was ihr tut, sondern auch warum.

Bildbearbeitung ist ein Prozess. Geschmäcker ändern sich, man macht neue Erfahrungen, entwickelt sich, lernt dazu. In derselben Raw-Datei seht ihr später vielleicht ein ganz anderes Bild. Selbst wenn nur ein einziger Tag zwischen ihnen liegt, können zwei Bearbeitungen völlig ver­schieden sein. Das folgende Bild etwa habe ich an einem stür­mischen Nachmittag im Sommer 2017 an der Ostküste Bornholms auf­genommen und einige Wochen später entwickelt. Vor einigen Tagen habe ich mir das Bild erneut angeschaut und bearbeitet.

Die erste Bearbeitung war nicht schlecht. Sie zeigt aber auch nicht ganz das, was ich heute in dieser Aufnahme sehe und was ich damals beim Foto­grafieren empfunden habe. Das Ergebnis meiner zweiten Bearbeitung ist schwarz­­weiß, kontrast­reicher, dunkler, leicht kühl getönt und mit einer feinen Filmkorn­simulation. Die Struk­turen von Fels, Gischt und Himmel sind stärker betont und der Blick enger. Das Bild kommt meinem Ein­­druck einer kraft­vollen, rauen, ein­drücklichen Szene sehr viel näher. Beide Versionen, die alte und die neue, sind gültig. Was sie unter­scheidet, ist die Intention meiner Bearbeitung. Und das ist wiederum ein Punkt, der meiner Meinung nach in den meisten Tutorials und Erklär­videos zu kurz kommt.

Ich könnte dazu jetzt selbst etwas erzählen. Aber wie es der Zufall will, habe ich vor einigen Monaten den Bonner Naturfotografen Felix Wesch gefragt, ob er mir etwas zu seiner Bildbearbeitung erzählen kann. Einfach aus Interesse, und auch nicht zu den genauen Arbeits­schritten, sondern darüber, was bei ihm zwischen Bild im Kopf, Bild im Kasten und fertigem Bild passiert. Praktischerweise hat Felix auch einen kleinen Youtube-Kanal und ist dort ein paar Wochen später in einem Video auf meine Frage eingegangen, aus­führlich und mit vielen Vorher-Nachher-Bildern:

Mittler­weile gibt es sogar ein zweites Video. Den positiven Kommen­taren unter den Videos nach können auch andere diesen Gedanken zur Bildbearbeitung viel abgewinnen.

Für diejenigen, die gut Englisch sprechen: Der neuseeländische Foto­graf William Patino hat zu diesem Thema vor wenigen Tagen ebenfalls ein Video veröffentlicht. Aus­führlich und leicht verständlich erklärt er dort, wie er sich einem neuen Bild nähert und wie und mit welchem Ziel er es bearbeitet. Und warum er sich Zeit nimmt es in Abständen immer wieder zu begut­achten, bevor er es veröffentlicht.

Natürlich beziehen sich diese Videos in erster Linie auf Natur- und Land­schafts­fotografie. Andere Richtungen wie Portrait- oder Archi­tektur­­fotografie haben ihre eigenen Anforderungen und Möglich­keiten. Das Prinzip der bewussten Bild­bearbeitung aber bleibt gleich.

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