10. Juni 2021

Raw-Format für Einsteiger. Zweiter Teil.

Im letzten Monat habe ich in die Grund­lagen der Raw-Entwicklung beschrieben, die besonders für Einsteiger in dieses Thema gedacht sind. Für die meisten Auf­nahmen reichen die dort beschriebenen Funktionen völlig aus. Wer aber noch etwas tiefer eintauchen will, für den geht es hier um die erweiterten Möglich­keiten des Raw-Formats und der »digi­talen Dunkel­kammer«.

Farbprofile

Entscheidend für das Aussehen eines Bildes und für alle weiteren Arbeitsschritte ist, wie die Farb­informationen interpretiert werden, die in der Raw-Datei gespeichert sind. Dafür gibt keinen einheitlichen Standard, im Gegenteil: Jeder Kamerahersteller und jede Software haben jeweils ihre eigenen Algorithmen. Lightroom etwa arbeitet von Haus mit dem allgemeinen Profil Adobe Standard, Capture One mit einem extra eingemessenen Profil für die jeweilige Kamera (zumindest für die meisten gängigen Profi- und Amateur­modelle). Canon und Nikon haben verschiedene Profile für unter­schiedliche Motive wie Portrait- oder Landschafts­aufnahmen, für neutrale Farben oder einen möglichst großen Tonwertumfang. Foto­grafen mit einer jüngeren Fuji-Kamera finden dagegen unter den Farbprofilen die Simulationen für bekannte Farbnegativ- oder Diafilme.

Die Bearbeitungsmöglichkeiten von Lightroom und Capture One sind nicht identisch. Daher weichen die folgenden Beispiel­bilder in ihrer Gesamtwirkung voneinander ab. Achtet auf die unterschiedliche Wiedergabe der ver­schiedenen Farbtöne. Am Besten vergrößert ihr die Bilder mit einem Klick und springt dann mit den Pfeil­tasten eurer Tastatur hin- und her. Das gilt für diese und auch alle folgenden Bilder.

Für alle Profile gilt, dass sie die Farb­wiedergabe und den Grund­kontrast eines Bildes bestimmen. Einige erzeugen dabei einen bestimmten Look, andere tun genau das nicht und schaffen so eine möglichst neutrale Ausgangs­situation für die spätere Nach­bearbeitung. Beide Ansätze sind weder gut noch schlecht, sondern letztlich Geschmacks­sache. Dabei gibt es keine Regel, welches Profil am Besten zu euren Bildern passt. Es hilft nur, sie einfach auszuprobieren.

Objektivkorrektur

Nur einige wenige teure Fest­brennweiten sind optisch perfekt korrigiert und damit praktisch frei von Abbildungs­fehlern. Alle anderen Objektive verzeichnen und zeigen an harten Kontrastkanten Farbsäume (Purple fringing bzw. Chromatische Abberationen). Manche mehr, andere weniger. Oft liegt das nicht an einer grund­sätzlich schlechten Qualität der Objektive, sondern an den Kompromissen, die die Ingenieure bei der Konstruktion eingehen mussten. So haben beispielsweise fast alle gängigen Zoomobjektive, die einen Bereich zwischen Weitwinkel und leichtem Tele abdecken (24–70/105mm Festbrennweiten-äquivalent), eine deutliche Verzeichnung und Vignettierung im Weitwinkel­bereich. Das Problem ist technisch bedingt und lässt sich nur mit enormem Aufwand korrigeren – wenn überhaupt.

Glücklicherweise bieten die Raw-Konverter entsprechende Objektiv­profile an, mit der sich die Ver­zeichnung und die auch die Rand­­abdunklung (Vignettierung) weitgehend korrigieren lässt. Die meisten Farb­säume könnt ihr eben­falls über die entsprechende Funktion entfernen.

Das bedeutet aber nicht, dass ihr mit­hilfe des Raw-Formats aus einem mittel­mäßigen ein gutes Objektiv machen könnt. Im Gegen­teil: Je stärker die nötigen Korrekturen sind, umso größer ist die Aus­wirkung auf die Bild­qualität. Wer etwa eine Vignettierung von zwei Blenden­stufen korri­giert, hellt die Bild­ränder so stark auf, dass es dort leicht zu höherem Bild­rauschen kommen kann.

Gradationskurve

Der normale Kontrast­regler spreizt oder staucht das Histo­gramm und verändert damit grob den Grund­kontrast des Bildes. Sehr viel feiner lässt sich das über die Gradations­kurve steuern. Das ent­sprechende Werk­zeug ist schnell erklärt: Unten links ist reines Schwarz, oben rechts reines Weiß, und die Diagonale dazwischen bildet das Helligkeitsspektrum ab. Das mag kompliziert klingen, ist es aber nicht. An ein paar praktischen Beispielen wird das schnell deutlich.

Diese S-Kurve dunkelt die Ton­werte unter­halb der Mitte ab und hellt sie ober­halb auf. Es sind im Prinzip beliebig viele Steuer­punkte möglich, sodass sich die Wirkung in unter­schiedlichen Helligkeits­bereichen fein dosieren lässt. Der absolute Schwarz- und Weißpunkt bleibt dabei unverändert.

Diese Kurve verkleinert den Dynamik­umfang, indem sie den Schwarz- und Weißpunkt hori­zontal nach innen verschiebt. Der Kontrast wird steiler, die Bild­wirkung härter.

Diese Kurve erzeugt einen leichten Roll-off-Effekt. Der Schwarz­punkt wird nach oben und der Weiß­punkt nach unten verschoben. Dadurch bleibt der Dynamik­umfang des Bildes grund­sätzlich erhalten, allerdings gibt es kein Tief­schwarz oder Rein­weiß mehr. So entsteht ein leicht ver­blasster Effekt, wie man es von analogen Filmen kennt.

Lokale Anpassungen

Den Himmel abdunkeln, den Vorder­grund auf­hellen oder in einem kleinen Bereich einen bestimmten Farbton korrigieren – das könnt ihr mit den normalen Schiebe­reglern nur im Ausnahme­fall, weil diese sich immer auf das ganze Bild beziehen. Für lokale Anpassungen gibt es daher drei spezielle Werk­zeuge. Mit dem Pinsel­werkzeug lassen sich bestimmte Bild­bereiche aus­wählen, indem ihr eine ent­sprechende Maske einfach in das Bild hinein malt. Dabei könnt ihr üblicherweise u.a. die Größe, Weich­heit und Deck­kraft des Pinsels ändern, sodass sich die Anpassungen subtil in das Gesamt­bild einfügen. Mit dem radialen und linearen Verlaufs­werkzeug lassen sich dagegen kreis­förmige oder gerad­linige Verläufe erzeugen, bei denen die Stärke der Anpassungen zur Mitte/zum Rand beziehungs­weise zu einer Verlaufskante hin abnimmt.

Fast alle Ein­stellungen, die ihr am gesamten Bild vor­nehmen könnt, lassen sich so auf aus­gewählte Bereiche beschränken.

Vignettierung

In der Foto­grafie ist eine Vignette histo­risch gesehen eine Maske, die einen Teil des Bildes verdeckt – etwa das weiße, hoch­formatige Oval um frühe Portrait­aufnahmen. Mit einer Vignettierung ist, daran angelehnt, die Rand­abdunklung eines Bildes gemeint. Sie ist bei Objektiven konstruktions­­­bedingt unvermeidbar und wird deutlicher, je mehr ihr euch beim Foto­grafieren der größt­­­möglichen Blende nähert.

Über das ent­sprechende Werk­zeug könnt ihr eine Vignettierung aber auch gezielt als Bild­effekt hinzu­fügen. Mit einer schwachen, kaum sicht­baren Rand­abdunklung lässt sich beispiels­weise die Bildmitte subtil betonen, wodurch das Auge des Betrachters besser im Bild gehalten wird und letzt­lich die ganze Aufnahme plastischer wirkt.

Rauschreduktion

Je nach Kamera­einstellung wird das ISO-bedingte Bild­rauschen im Raw-Format erst einmal wenig bis gar nicht reduziert. Das sollte auch das Ziel sein, denn die Algo­rithmen der Raw-Konverter sind meist deutlich leistungs­fähiger als die kamera­interne Daten­verarbeitung.

Bei analogem Film steht die Licht­empfindlichkeit in direktem Zusammen­hang mit der sogenannte Korn­größe. Je licht­empfindlicher das Film­material, umso größer und sichtbar das Korn. Bei digi­talen Sensoren ist der Effekt ähnlich, die Ursache aber eine voll­kommen andere. Denn die Sensor­pixel bei jedem ein­gestellten ISO-Wert gleich groß. Die Licht­empfindlichkeit bleibt also gleich, egal wie viel oder wenig Licht auf den Sensor trifft. Der digitale ISO-Wert bedeutet also, dass die Kamera bei der Umwandlung von Licht in elek­trische Information das Eingangs­signal verstärkt, um ein helleres Bild zu erzeugen. Je kleiner die tat­sächliche Größe der Pixel auf dem Sensor ist, desto weniger Licht können sie ein­fangen, und umso mehr muss das Signal verstärkt werden.

Mit zunehmendem ISO-Wert steigt dadurch auch das Bild­rauschen, zu Lasten der Bild­qualität und der Detail­auflösung. Es lässt sich aber im Raw-Konverter bis zu einem bestimmten Punkt reduzieren. Helligkeits- und Farb­rauschen können dabei üblicher­weise getrennt von­einander gesteuert werden, und auch, wieviel Details bei der Rausch­reduktion erhalten bleiben sollen. Weniger ist dabei oft mehr: Ein sicht­bares, aber ehr­liches Bild­rauschen fällt in der Regel weniger auf als über­trieben geglättete Flächen und Konturen.

Schärfung

Der letzte Arbeits­schritt in der Bearbeitung eines Raws ist üblicher­weise die Schärfung. Lange Zeit war es die bevorzugte Methode vieler Foto­grafen, das fertige Bild zu exportieren und anschließend in Photo­­shop nur das zu schärfen, was scharf sein sollte. So ließ sich ver­meiden, dass das Schärfen zu einem höheren Bild­rauschen flächiger Bereiche führte. Die Schärfungs­algorithmen der Raw-Konverter sind aber mittler­weile so fein justier­bar, dass ich diesen zusätz­lichen Schritt für unnötig halte.

Bildschärfe ist – technisch gesehen – nichts anderes als ein größt­möglicher Mikro­kontrast in bestimmten Bild­bereichen. Kameras mit Kontrast- oder Hybrid-Autofokus nutzen genau das, um auf einen bestimmten Punkt zu fokussieren. Beim Schärfen eines Bildes wird genau dieser Mikro­kontrast weiter verstärkt. Wichtig ist, dass ihr mit den richtigen Werten für eine gute, natür­liche Bild­schärfe sorgt, ohne dass es dabei zu ungewollten Arte­fakten kommt. Dazu gehören u.a. verstärktes Bild­rauschen, Halos und Treppcheneffekte.

Das Raw selbst ist erst einmal sehr weich, denn die eigent­liche Schärfung entsteht erst im Raw-Konverter. Diese bieten zwar bestimmte Vor­einstellungen an, die aber eher als Anhalts­werte zu ver­stehen sind. Denn: Wie sich die Para­meter auf das Bild aus­wirken, hängt von vielen ver­schiedenen Faktoren ab (Kamera, Sensor, Objektiv, Blende, ISO-Wert usw.). Es gibt also keine einheit­liche Lösung. Wichtig ist, dass die Grund­schärfe stimmt. Denn am Ende ent­scheidet das Wiedergabe­medium darüber, wie viel Schärfe ein Bild braucht (Ausgabe­schärfe). Für Social Media beispiels­weise wird das Bild so stark ver­kleinert, dass es meist keine weitere Nach­schärfung braucht. Die Schärfe eines Fineart­-Prints dagegen muss indi­viduell auf das Papier abgestimmt werden und braucht nicht selten höhere Werte als gedacht.

Im Schärfungs­werkzeug könnt ihr den Effekt über ver­schiedene Para­meter steuern. Die Stärke (Lightroom: Betrag) definiert, wie deutlich der Mikro-Kantenkontrast verstärkt werden soll, der Radius, wie groß die räumliche Aus­wirkung sein soll (in Pixeln) und der Schwellen­wert (Lightroom: Maskieren), ab welchem Kanten­kontrast der Effekt über­haupt angewendet wird. Letzteres bedeutet, dass mit dem richtigen Wert nur die ohnehin scharfen Kanten verstärkt werden. Flächen werden dadurch kaum bis gar nicht geschärft und unnötiges Bild­rauschen verhindert. Als Faust­regel gilt, dass der Radius nicht größer als 1 sein sollte. Beim Schwellen­wert haben sich 1 (Capture One) bzw. 50 (Lightroom) bewährt.

Presets

In allen gängigen Raw-Konvertern lassen sich viele Einstellungen als sogenannte Presets abspeichern. Ich habe beispielsweise ein Standard-Preset, das ich bereits beim Bild-Import anwende. Anschließend filtere ich die Bilder nach Objektiv und ISO-Wert und wende die entsprechenden Presets für Objektivkorrekturen und Rauschreduktion an. Zusammengenommen sind das nur wenige Klicks und eine große Zeitersparnis.


Unter’m Strich

Für den Einstieg in das Thema Raw-Format solltet ihr diesem und dem ersten Artikel genug an der Hand haben, um mehr aus euren Bildern zu machen. Klar, der Foto­graf macht das Bild und Rohdaten machen nicht alles besser. Aber es bietet euch den vollen Zugriff auf das, zu was eurer Kamerasensor technisch in der Lage ist.

Wichtig ist eigentlich nur, dass ihr euch genug Zeit zum Aus­probieren nehmt und dass ihr aus euren Bildern das macht, was euch persönlich gefällt. Auch wenn sich das immer mal wieder ändern kann. Lasst euch trotzdem inspi­rieren und schaut, was andere Foto­grafen machen. Viele teilen ihr Wissen gerne, und es gibt immer mehr als einen Weg, zum Ziel zu gelangen.

Noch nicht genug? Dann geht es hier zum dritten und letzten Teil der Reihe.

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